<< zurück | RSS  | Suche | drucken | Sitemap  | Englisch Französisch Spanisch |  Facebook

Freunde Gutenbergs (29.11.2007)

Exlibris, Pariser Museen auf den Spuren Gutenbergs und der Schinderhannes-Mythos in Deutschland
„Das ist das allerletzte...“ – so die überraschenden Eingangsworte von Günter Lindner und dann er fuhr fort „...Treffen der Freunde Gutenbergs in diesem Jahr“.
Er wies daraufhin, wie man mit der deutschen Sprache jonglieren kann und wie er solche ,,Tricks“ gerne bei seinen Werbetexten verwendet, um dem Leser und Zuhörer ,,Trockenes“ etwas spannender darzubieten.
Anschließend begrüßte er die Gäste und hier im Besonderen die Direktorin des Gutenberg-Museums Dr. Eva Hanebutt-Benz als Hausherrin sowie Katharina Fischborn, die noch amtierende Mainzer Stadtdruckerin, die den letzten Jour Fixe ihrer Amtszeit nicht verpassen wollte.

Mit Dr. Elke Schutt-Kehm aus dem Gutenberg-Museum stellte er dann die erste Referentin des Tages vor. Sie betreut die Exlibris-Sammlung des Gutenberg-Museums, die mit 100.000 Blättern die größte deutsche Exlibris-Sammlung in öffentlicher Hand ist.
Die Rednerin stellte als erstes den Zusammenhang zwischen Exlibris und der Erfindung Gutenbergs her: Erst durch die massenhafte Verbreitung identischer (gedruckter) Bücher als Folge von Gutenbergs Erfindungen wurde es nötig, ein Exlibris, ein Bucheignerzeichen zu verwenden. Vorher waren alle Bücher unverwechselbare Unikate und so kostbar gewesen, dass sie nicht verwechselt wurden.
Mit Hilfe eines Beamers projizierte Dr. Elke Schutt-Kehm die kleinen Exlibris groß an die Wand. Sie ermöglichte so den Gästen, die Sammlungsstücke in ihrer ganzen Schönheit und Vielfalt bewundern zu können. Es war wirklich beeindruckend was hier dargestellt wurde.
Aus der riesigen Sammlung konnte sie natürlich nur Ausschnitte zeigen.

Kaum ein Künstler von Rang aus früheren Zeiten, der nicht über ein eigenes Exlibris verfügte und nicht in der Sammlung vorhanden ist: Exlibris berühmter Eigner z.B. Helmut Kohl; Exlibris von berühmten Künstlern gestaltet - Dürer, Goethe, Slevogt, Kokoschka etc., um nur einige Namen zu nennen.
Es wurden auch jeweils Beispiele für die verschiedenen Sorten von Bucheignerzeichen gezeigt: Exlibris aus Schiffsbibliotheken; Berufsexlibris; humorvolle Exlibris; „sprechende“ oder Exlibris, die den Eignernamen bildlich umsetzen; Universalexlibris, in die man selbst den Namen einträgt (z.B. von Janosch gestaltet); und aus der Gruppe der Kuriositäten sogar gestickte Exlibris.
Nachdem die Faszination für Exlibris auf die Besucher übergesprungen war, nahmen sie erfreut zur Kenntnis, dass Teile dieser herausragenden Sammlung ab dem nächsten Jahr in der Dauerausstellung zu sehen sein werden.

Cornelia Gisevius, die Geschäftsführerin der Gutenberg-Gesellschaft, dankte Dr. Elke Schutt-Kehm für ihren überzeugenden Beitrag und nutzte die Gelegenheit, Veranstaltungstipps zur „Kultur rund um Gutenberg“ zu geben.
Sie wies auf die aktuelle Sonderausstellung des Gutenberg-Museums hin, die den amerikanischen Buch- und Schriftgestalter Bruce Rogers zeigt und noch bis Ende Januar 2008 läuft.
Am Dienstag, 4. Dezember fand ein Vortrag über Gutenberg als Vater der Massenkommunikation im Mainzer Ratssaal statt, gehalten von Prof. Stephan Füssel, Leiter des Institutes für Buchwissenschaft der Mainzer Universität und Vorstandsmitglied der Internationalen Gutenberg-Gesellschaft.
Bereits am Samstag, 1. Dezember, ab 20.15 Uhr wurde im SWR-Fernsehen live aus der Alten Lokhalle die Abschluss-Gala der Wahl „Die 100 größten Rheinland-Pfälzer“ übertragen. Die Internationale Gutenberg-Gesellschaft und das Gutenberg-Museum haben hier gemeinsam um Stimmen für Gutenberg geworben.

Cornelia Gisevius stellte dann als nächsten Vortragenden den Mitinitiator des Jour Fixe und Vorstandsmitglied der Internationalen Gutenberg-Gesellschaft Hartmut Flothmann vor, der „Paris und seine Museen auf den Spuren Gutenbergs“ durchstreifte.
Seit 2004 dauern diese Recherchen nun bereits an, als Hartmut Flothmann die erste seiner zweiwöchigen Kulturreisen nach Paris unternahm. Zunächst hatte er sich dabei auf die Druckmuseen historischer Druckmaschinen und Drucke im engeren Sinne konzentriert und dabei die ,,Standards“ Musée des Arts et Métíers, Musée de la Publícíté und Imprímerie Nationale besichtigt. Später hatte er seine Besuche dann ausgeweitet auf Museen, Archive, Bibliotheken, Schulen und Ausstellungen zu verwandten Themen wie Banknoten, Münzen, Postwertzeichen, Schilder, Schrift als Ausdrucksmittel in der Bildenden Kunst usw., also auf die schriftorientierten Medien, wie sie ja auch satzungsgemäß im Fokus der Internationalen Gutenberg-Gesellschaft stehen.

Auch auf der siebten Paris-Reise in diesem Herbst waren noch nicht alle relevanten Museen „abgegrast“ und Hartmut Flothmann konnte anhand vieler schöner Bilder veranschaulichen, welche Schätze er diesmal wieder entdeckte.
So beschäftigte er sich beispielsweise im Louvre mit altägyptischen Hieroglyphen, in der Bibliothèque Forney mit künstlerischen Werbeplakaten oder im Musée Zadkine mit experimenteller Schriftverfremdung. Weiter Besuche galten der École Estienne, dem Musée Nationale d'Art moderne und der Ausstellung "Les Elysées de l'Art". Im Gegensatz zur Gutenberg-Statue und einer Rue Gutenberg konnte er bei der Reise jedoch nicht den Jardin Gutenberg entdecken, von dem ihm übereifrige Pariser erzählt hatten. Ziel seiner Recherchen ist ein Buchprojekt als Ratgeber ,,Museen in Paris über Druck und schriftorientierte Medien“, um den Freunden Gutenbergs zu helfen, die Sprachbarrieren zu überwinden und kostbare Inkunabeln aufzufinden.

Günter Lindner dankte seinem Kollegen Hartmut Flothmann für seinen Bericht mit den Reiseimpressionen über die Druckmuseen in Paris und betonte, wie wichtig es sei, bei den Jour Fixe-Vorträgen auch aus den eigenen Reihen der Gutenberg-Gesellschaft und des Gutenberg-Museums zu schöpfen.

Als nächsten Referenten stellte er Dr. Mark Scheibe vom Fachbereich Rechtswissenschaften der Universität Mainz vor. Dieser beschäftigt sich seit einigen Jahren mit dem Thema "Schinderhannes – Die Verschmelzung von Sage und Wirklichkeit“ und mit den Büchern und schriftlichen Zeugnissen, die es darüber inzwischen gibt. Hier kann inzwischen auf 205 Jahre Vergangenheit zurückgeblickt werden.
Schon als Schüler und Student hatte Dr. Scheibe Spielfilme über den berühmten Räuber gedreht und sich später dann wissenschaftlich aus juristischer Sicht mit dem Mythos Schinderhannes befasst.

Er vermerkte im Vortrag, dass die Deutschen ein völlig verklärtes Bild von des Kriminellen aufgebaut haben, das der Realität in keiner Weise mehr gerecht wird. Schinderhannes war kein Sozialrebell und kein deutscher Robin Hood, sondern ein ganz gewöhnlicher Räuber, Mörder und Tagedieb, der sich vor allem durch Pferdestehlen über Wasser hielt. Er hatte auch keine Räuberbande um sich und war somit auch kein Räuberhauptmann. Dies alles hat Dr. Mark Scheibe aus den Mainzer Gerichtsakten sondiert. Schinderhannes handelte einzeln oder aber mit jeweils wechselnden Komplizen.

Anhand der mehreren tausend Seiten umfassenden Prozessakten konnte Dr. Mark Scheibe nachweisen, dass sich Schinderhannes im Prozess einer „Salami-Taktik“ bediente und zunächst alle Taten abstritt und verharmloste und dabei möglichst seine eigene Beteiligung zu vertuschen suchte. Erst in späteren genaueren Verhören gab er seine Taten Stück für Stück zu.
Der Schinderhannes-Mythos in Deutschland stützt sich offensichtlich jedoch größtenteils auf den ersten Teil der Prozessakten, in denen der Räuber stets seine Unschuld beteuerte. In den Büchern und Filmen über ihn wurde dies in der Regel ungeprüft übernommen. Dies ist einer der Gründe, warum es nach und nach zu einer Verklärung der Person und des Räubers Schinderhannes in Deutschland kam.

Interessanterweise erschien diese Verfälschung für Dr. Mark Scheibe bei einer seiner Vortragsreisen in einer deutschsprachigen Provinz in Südbrasilien in neuem Licht.. Er konnte dort feststellen, dass die Nachfahren der Einwanderer vor über 200 Jahren aus dem Hunsrück sich das ursprüngliche, realistische Bild des Räubers als Nichtsnutz bewahrt hatten: Schinderhannes als ,,Lump“, der auch den kleinen Leuten schadete.
Zurückzuführen ist dieses andere, der Realität viel näher kommende Bild darauf, dass die deutschstämmigen Brasilianer von der Verklärung des Räubers durch romantisierende Bücher und Filme gänzlich abgeschnitten waren.

Zum Schluss dankte Hartmut Flothmann Dr. Mark Scheibe mit den Worten „So macht Forschung Spaß“. Er betonte außerdem: mit dem heutigen Jour Fixe seien die Initiatoren ihrem Ziel wieder einmal näher gekommen, immer neue Kleinode zu entdecken und für das Gutenberg-Museum als Zentrum von Gutenberg-Institutionen zu werben.

In diesem Sinne:

Gott grüß die Kunst

Ihre Günter Lindner und Hartmut Flothmann Vorstandsmitglieder der Internationalen Gutenberg-Gesellschaft



Internationale Gutenberg-Gesellschaft in Mainz e.V. | Liebfrauenplatz 5 - D-55116 Mainz | Telefon: ++49 (0) 6131-22 64 20 - Telefax: ++49 (0) 6131-23 35 30 | E-Mail: info(at)gutenberg-gesellschaft.de | Internet: www.gutenberg-gesellschaft.de | Öffnungszeiten der Geschäftsstelle:  Mo 8 - 13 Uhr, Di 13 - 18 Uhr, Mi 8 - 13 Uhr, Do 8 - 13 Uhr, Freitags geschlossen | Impressum © 2010