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Freunde Gutenbergs (25.10.2007)
Mainzer Stadtschreiber Ilija Trojanow und neue Ausbildungswege in der Druck- und Medienbranche
Wie gewohnt begrüßte Günter Lindner die sehr zahlreichen Gäste und als erstes die Redner des Tages, den Schriftsteller und amtierenden Mainzer Stadtschreiber Ilija Trojanow sowie den Leiter der Hauptredaktion Kultur und Wissenschaft des ZDF, Werner von Bergen.
In dem lockeren Dialog zwischen Trojanow und von Bergen erwähnte der Schriftsteller, dass er ja von allen den kürzesten Anreiseweg zum Jour Fixe gehabt habe: nur die Treppen herunter, aus seiner derzeitigen Stadtschreiberwohnung, die sich im Haus des Gutenberg-Museum befindet. Diese Wohnung mitten im Herzen der Stadt Mainz sei für ihn auch das Wichtigste an dem Stadtschreiberpreis gewesen. Er habe sie besonders für ein gemeinsames Romanprojekt mit einem indischen Kollegen genutzt, zu dem sie sich dort sechs Wochen lang eingeschlossen hatten. Werner von Bergen gab einen kurzen Überblick über die Vita Trojanows und betonte, dass dieser schon sämtliche Stufen des Büchermachens durchschritten habe: vom Schriftsteller bis hin zum Verleger.
Trojanow erzählte, was es für ihn bedeutet, Stadtschreiber in Mainz zu sein: Lesungen und Veranstaltungen bei Institutionen, die ein breites Spektrum des Mainzer (Kultur-)Lebens repräsentieren: Schulen, Rathaus, Uni, Landtag, Stadtbibliothek, Schloss und sogar zur Mainzer Johannisnacht.
Sein zweiter Schwerpunkt in Mainz ist die Produktion eines Films mit dem ZDF, das sogenannte „elektronische Tagebuch“. Das klinge zwar auf den ersten Blick toll, sei aber auch eine Menge Arbeit und für einen Schriftsteller ungewohnt, denn bei einer solchen Arbeit bestehe ein großer Teil der kreativen Arbeit aus Kommunikation. Es sei für ihn als Autor eine ganz ungewohnte Art der Arbeit gewesen, bei der er nicht nach eigenem Ermessen die Figuren und Dialoge frei entwickeln konnte, sondern sich (beispielsweise auch durch das vorgegebene Format eines 45minütigen Filmes) innerhalb einer Struktur entwickeln musste. Dies sei jedoch seinen Reisen in andere Kulturkreise durchaus vergleichbar, bei denen er in die Fremde ging und sich dort in die Kultur einfinden und entwickeln musste.
Werner von Bergen betonte, dass der Trojanow-Film im Gegensatz zu vielen früheren Stadtschreiber-Filmen kein direkt autobiografisches Werk geworden sei, sondern der Autor eine harte politische Reportage über die einstige Unterdrückung der Antikommunisten in seinem Heimatland Bulgarien darstelle. Der Film lässt Menschen zu Wort kommen, die sonst kein Gehör finden. Trojanow ergänzte, dass er dies als die wichtigste Aufgabe von Literatur ansehe.
Abschließend informierte Werner von Bergen noch über den Stadtschreiberpreis im Allgemeinen: Er wird von der Stadt Mainz, dem ZDF und 3sat gemeinsam vergeben. Er ist mit 12.500 € dotiert sowie einem Jahr Wohnrecht in der Stadtschreiberwohnung. Der Preis ist nicht als Förderpreis für Nachwuchskünstler gedacht, sondern wird für ein Lebenswerk vergeben. Entsprechend hochkarätig ist die Liste der bisherigen Preisträger, die Namen wie Sarah Kirsch, Peter Härtling, Sten Nadolny und viele andere umfasst.
Mitinitiator Hartmut Flothmann dankte beiden Rednern. Er verglich Trojanows Literatur mit der von Günter Grass (in der Tat sind beide große Bewunderer des anderen) und betonte, wie wenig Schriftsteller es auf diesem Niveau mit Migrantenhintergrund gebe, die in deutscher Sprache publizieren. Auf Flothmanns Frage, ob er denn auch in anderen Sprachen publiziere, verriet Trojanow, dass er Prosa ausschließlich auf Deutsch, Gedichte nur in Englisch publiziere und sogar mal ein Opern-Libretto für ein südafrikanisches Theater in englischer Sprache verfasst habe. Hartmut Flothmann dankte auch noch einmal Werner von Bergen für sein Kommen und stellte ihn außerdem als neues Vorstandsmitglied der Internationalen Gutenberg-Gesellschaft vor, was als Brücke von der Drucktechnik zur Medienwelt von besonderer Bedeutung sei.
Die neuen Ausbildungswege in der Druck- und Medienbranche
Zum zweiten Themenkreis des heutigen Jour Fixe stellte Flothmann seinen langjährigen Kollegen Theo Zintel vor, der beim Bundesverband Druck und Medien (bvdm) für den Bereich Bildungspolitik zuständig ist. Flothmann betonte, dass die Duale Ausbildung in Deutschland auch international einen hohen Stellenwert habe und dass die Ausbildungswege in der Duck- und Medienbranche Handwerk und Industrie umfassen. Zintel stellte am Fallbeispiel „Mediengestalter Digital und Print“ vor, wie der bvdm die Ausbildungsgänge immer wieder den Erfordernissen des Marktes und den technischen Entwicklungen der Branche anpasst.
So hatte der bvdm mit dem Mediengestalter bereits vor einigen Jahren erstmals eine modulare Ausbildung eingeführt (die chemische Industrie zieht nun nach). Sie erlaubt, auch spezialisierte Techniken und Ausbildungsplätze in „exotischen“ Bereichen zu erhalten, wie zum Beispiel den elektronischen Notensatz, für den in Deutschland allein bei der Schott-Tochter Wega Verlag ausgebildet wird. Keinen eigenen Ausbildungsgang wird es dagegen ab 2007 mehr für den Beruf „Schriftsetzer Handwerk“ geben. Hier gab es zuletzt deutschland-weit nur noch 60 Ausbildungsplätze gegenüber 10.000 Plätzen für Mediengestalter.
Die bisherigen vier Fachrichtungen sind nun neu auf drei Fachrichtungen aufgeteilt worden: In der Fachrichtung „Gestaltung und Technik“ sollen rund 80 % der Berufsanfänger ausgebildet werden, in der Richtung „Konzeption und Visualisierung“ 10 % und im neuen Bereich „Beratung und Planung“ sind 10 % angestrebt. Theo Zintel beschrieb, wie durch neue Module und veränderte Prüfungsbedingungen die Ausbildung zum Mediengestalter aktualisiert wurde.
Er betonte, dass 75% der Auszubildenden Abitur hätten und mit einem Durchschnittsalter von 21 Jahren eine ganz andere Klientel darstellten als die durchschnittlich nur 17 Jahre alten Druckerlehrlinge. Problematisch sehe er jedoch die bei Abitur mögliche Verkürzung der Ausbildungszeit auf 2 Jahre, da die allgemeine Hochschulreife eben nicht die benötigten Fachkenntnisse einschließe und bestimmte technische Fertigkeiten nur durch Übung erworben werden können.
Getreu dem Motto „Von der Theorie zur Praxis“ stellte Günter Lindner nun seinen Sohn Thomas Lindner, Unternehmer, vor. der zusammen mit Bruder Alexander Lindner den Druckbetrieb Lindner (Mainz) führt. Ein Druckunternehmen, das Günter Lindner selbst vor genau 40 Jahren im Jahre 1967 gegründet hatte.
In der dritten Generation ist hier nun seit kurzer Zeit auch der Enkelsohn Markus Lindner als Auszubildender Mediengestalter Digital und Print in dem Unternehmen beschäftigt.
Thomas Lindner stellte den Druck Betrieb Lindner in kurzen Worten vor und erwähnte, dass in dem Unternehmen die Ausbildung große Tradition hat. In einem Jahr sind immer mehrere Auszubildende beschäftigt und zwei von derzeit drei Auszubildenden waren mit zum JOUR FIXE gekommen und stellten sich selbst kurz vor:
Carina Wirsch und Markus Lindner. Letzterer ist einer der wenigen Auszubildenden die in Deutschland in der neuen Fachrichtung „Beratung und Planung“ begonnen haben und somit ist der Druckbetrieb Lindner auch im Bereich Ausbildung als Pionier tätig.
Veranstaltungen rund um das Thema „Gutenberg und die Medien“
Die Geschäftsführerin Cornelia Gisevius stellte am Schluss des fachlichen Teils wieder interessante Veranstaltungen rund um das Thema Gutenberg und Medien vor:
Am gleichen Nachmittag fanden im Gutenberg-Museum wieder die Mainzer Designgespräche 2007 statt.,,Für immer und ewig? Über die Haltbarkeit von Gestaltung und Gestaltern“ war der diesjährige Titel der Veranstaltung. Veranstalter sind das Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau Rheinland-Pfalz und das Institut für Mediengestaltung.
Am 9. November wird in der IHK die Ausstellung „Mainzer Unterwelten“ zum gleichnamigen Buchprojekt eröffnet. Verleger Rupert Krömer zählt zu den Stammgästen des Jour Fixe.
Am Samstag, 24. November und Sonntag 25. November laden die Mainzer Verlage wieder zur Mainzer Büchermesse ins Rathaus in Mainz ein. Lesungen – Vorträge – Musik- Tombola – Aktionen – Verkauf, umrahmen die Veranstaltung.
Auch die Gutenberg-Gesellschaft wird dort wie jedes Jahr wieder einen Stand haben. Das Thema lautet „Musikstadt Mainz“ und natürlich gibt es hierzu ein umfangreiches Rahmenprogramm (www.mainzerbuechermesse.de) .
Das Wochenende der Büchermesse bildet zugleich den Abschluss einer großen Aktion, die der SWR, ab dem 27. Oktober startet: Die Wahl der 100 größten Rheinland-Pfälzer.
Da wir, die Freunde Gutenbergs natürlich der Meinung sind, dass hier Gutenberg auf dem ersten Platz landen muss, bitten wir alle, sich an der Wahl zu beteiligen und auch andere dazu zu ermutigen (Virtuelles Wahlbüro unter www.die-100-groessten.de).
Am 1. Dezember werden dann in einer großen Live-Sendung aus der Alten Lokhalle in Mainz die Gewinner präsentiert.
In diesem Sinne:
Gott grüß die Kunst
Ihre
Günter Lindner und Hartmut Flothmann
Vorstandsmitglieder der Internationalen Gutenberg-Gesellschaft
Bericht:Cornelia Gisevius Geschäftsführerin der Internationalen Gutenberg-Gesellschaft in Mainz e.V.
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