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Freunde Gutenbergs (27.09.2007)

Gutenberg und der Wein

Der Begründer des Jour Fixe Günter Lindner hieß die Gäste erstmals nach der Sommerpause wieder willkommen bei dem monatlichen Gesprächsforum und stellte als ersten Referenten des Tages ein weiteres Vorstandsmitglied der Gutenberg-Gesellschaft vor: Prof. Stephan Füssel, Leiter des Institutes für Buchwissenschaft der Universität Mainz.

Er zeigte anhand von farbigen Abbildungen, dass sich eine Verbindung von Gutenberg und dem Wein in mehreren Bereichen nachweisen lässt. Der Redner stellte seinem Vortrag ein Zitat aus einer Schrift über Buchdruck und Schriftgießen aus dem 18. Jahrhundert voran: „Weil man die Schriften und Papier wohl alles feucht will haben, so pflegen auch mit Wein und Bier die Gesellen sich zu laben.“ Diese Verbindung zwischen dem Anfeuchten der Druckpapiere und dem Benetzen der Zunge spielte auch schon in Gutenbergs Werkstatt eine Rolle. Nachweislich zahlte Gutenberg in Straßburg im Jahr 1439 Weinsteuern für die Menge von 2024 Litern. Bei einem umgerechneten Tagesverbrauch von 5,5 Litern sei jedoch nicht davon auszugehen, dass Gutenberg ein Trinker war, sondern wie damals üblich die Angestellten seiner Werkstatt mit Getränken versorgte. Zudem war Wein im 15. Jahrhundert das Normalgetränk und wurde aus hygienischen Gründen etwa dem Wasser vorgezogen.

Professor Füssel ging dann auf die Wahrnehmung des Weines in der damaligen Literatur ein, der sowohl gepriesen und wegen seiner gesundheitlichen Wirkung empfohlen, aber auch bei übermäßigem Genuss als gefährlich angesehen wurde. Dass jedoch nicht alle Autoren diese Bedenken hegten, bewies der Buchwissenschaftler mit dem abschließenden Zitat: „Ein guter Wein kann nicht schädlich sein, egal in welchem Maß man ihn trinkt.“

 

Mitinitiator Hartmut Flothmann dankte Professor Füssel für den ansprechenden Vortrag mit Visualisierung und stellte als nächsten Referenten Hans-Günter Kissinger vor. Herr Kissinger befasst sich schon lange mit dem Thema „ Wein in der Bibel“, was auf seine berufliche Tätigkeit als Weinbauingenieur und Lehrer an der Weinbauschule in Oppenheim und sein privates Engagement in der evangelischen Kirche zurückgeht. Herr Kissinger verfasste 2002 auch eine Abhandlung zum Thema „Wein in der Bibel“, aus der er beim Jour Fixe einige Beispiele zur Symbolik des Weines in der Bibel anführte. Kissinger berichtete, dass der Symbolcharakter des Weines in der Heiligen Schrift, in Liturgie und Alltag allgegenwärtig seien. In der Bibel werden je nach Zählung bis zu 500 mal die Begriffe Wein / Rebe / Weinstock erwähnt. Eine Kernaussage hierbei sei „Der Wein erfreue des Menschen Herz“. Hans-Günter Kissinger veranschaulichte anhand von verschiedenen Bibelstelle wie der „Hochzeit von Kanaa“ oder dem Abendmahl die symbolischen Bedeutungen des Weines und schloss seinen Vortrag mit der Bemerkung, er sehe nun also die Frage beantwortet, ob man im Himmel denn auch noch trinke.

Günter Lindner dankte dem zweiten Redner, verwies auf den im Gutenberg-Shop erhältlichen Gensfleisch-Wein und lud die Anwesenden zu einer kleinen Kostprobe ein, die von der Gutenberg-Shop Mitarbeiterin Rose Berger ausgeschenkt wurde, gestiftet vom Winzerehepaar. Frisch gestärkt wandte man sich dem dritten Kurzvortrag zu, der von Wolfgang Schleicher gehalten wurde.

Er hatte zusammen mit Günter Lindner in einer Etikettendruckerei Setzer gelernt, war dann von einem Weingut für den Vertrieb abgeworben worden und schließlich Geschäftsführer der Weingüter Mumm und Schloss Johannisberg. Der dort mit dem Ehrentitel „Domänenrat“ versehene Schleicher nahm die Zuhörer mit zu einem kurzweiligen Ausflug in die Welt der Weinetiketten am Beispiel von Schloss Johannisberg. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde der Wein hier in Flaschen abgefüllt, jedoch noch nicht mit Etiketten versehen. Die Mönche brannten stattdessen Ziffern in die Korken, um zwischen erster, zweiter, dritter Qualität zu unterscheiden (z.B. Spätlese, Beerenauslese etc).

 

Als Fürst Metternich Schloss Johannisberg nach dem Wiener Kongress erhielt, ordnete er gleich einige Neuerungen beim Vertrieb an und ist somit als einer der ersten Marketing-Experten zu sehen: Die Flaschen wurden mit unterschiedlichem Siegellack gekennzeichnet (Vorläufer der Kapsel), Preise festgesetzt und der Wein an verschiedene europäische Höfe geliefert. 1822 gab es dann die ersten richtigen Etiketten (vorher nur einfach Schilder mit dem Herkunftsort), auf denen ein Holzschnitt mit dem ersten Dampfschiffes und dem Schloss Johannisberg zu sehen war. Schon wenige Monate später gab es hiervon bereits eine englische Version für einen New Yorker Importeur. Wolfgang Schleicher erläuterte, dass die Bildmotive dann noch um die erste Eisenbahn in der Region erweitert wurden und reichte zur Illustrierung Beispiele herum.

Hartmut Flothmann dankte dem Referenten mit der Bemerkung, es sei doch erstaunlich, wie viele Experten ihre Karriere als Schriftsetzerlehrling begonnen haben und gab das Wort an die Geschäftsführerin der Gesellschaft. Cornelia Gisevius hatte für die Freunde Gutenbergs wieder zwei interessante Veranstaltungstipps parat: Der erste war die Eröffnung der Buchkunstausstellung „Zweite Enzyklopädie von Tlön“ am gleichen Abend um 19 Uhr im Sonderausstellungsraum des Gutenberg-Museums (Laufzeit 28.9. bis 11.11, Matinee mit den Künstlern am 7.10. um 11 Uhr).

Der zweite Hinweis stellte die Vortragsreihe „Berühmte Mainzer“ vor, bei der Mainzer Wissenschaftler im „Jahr der Geisteswissenschaften“ ab 23. Oktober acht Leitfiguren der Mainzer Stadtgeschichte von Bonifatius über Zuckmayer bis hin zu Anna Seghers vorstellen. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe wird auch der heutige Referent Prof. Stephan Füssel den Vortrag „Johannes Gutenberg: Vater der Massenkommunikation“ halten (Rathaus, 4.12.2007, 20 Uhr).

Zu unserem nächsten Jour Fixe mit dem Mainzer Stadtschreiber Ilja Trojanow am 25. Oktober laden wir Sie schon jetzt ganz herzlich ein.

In diesem Sinne: Gott grüß die Kunst

 

Ihre
Günter Lindner und Hartmut Flothmann
Vorstandsmitglieder der Internationalen Gutenberg-Gesellschaft

Bericht:
Cornelia Gisevius
Geschäftsführerin der Internationalen Gutenberg-Gesellschaft in Mainz e.V.

2.10.2007 



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