Verleihung des Gutenberg-Preises 2026

Internationale Gäste, bewegende Worte und ein leidenschaftliches Plädoyer für Gestaltung, Bildung und demokratische Kommunikation prägten die Verleihung des Gutenberg-Preises 2026 an Erik Spiekermann.

Am 20. Juni 2026 verliehen die Landeshauptstadt Mainz und die Internationale Gutenberg-Gesellschaft im Forstersaal des Kurfürstlichen Schlosses den Gutenberg-Preis an den Typografen, Schriftgestalter und Unternehmer Prof. Dr. h. c. Erik Spiekermann. Die Auszeichnung würdigt Persönlichkeiten, die sich in besonderer Weise um die Druck-, Buch- und Medienkultur verdient gemacht haben.

Mehr als zweihundert Gäste aus Deutschland und dem Ausland waren nach Mainz gekommen, um einen Gestalter zu ehren, dessen Schriften, Orientierungssysteme und Designkonzepte den Alltag von Millionen Menschen prägen – oft, ohne dass diese sich dessen bewusst sind. Unter den Gästen befanden sich Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Kultur, Politik, Verlagswesen und Design ebenso wie zahlreiche Weggefährtinnen und Weggefährten des Preisträgers, die eigens aus dem In- und Ausland angereist waren.

In seiner Begrüßung würdigte der Mainzer Oberbürgermeister und Präsident der Internationalen Gutenberg-Gesellschaft, Nino Haase, Erik Spiekermann als einen Gestalter, der Gutenbergs Erbe auf einzigartige Weise in die Gegenwart übersetzt habe. Mit seiner Arbeit habe er gezeigt, dass Typografie weit mehr sei als die Gestaltung von Buchstaben: Sie schaffe Orientierung, ermögliche Verständigung und präge die Art und Weise, wie Menschen Informationen wahrnehmen und miteinander kommunizieren.

Ein besonderer Höhepunkt der Veranstaltung war die Laudatio der Verlegerin Karin Schmidt-Friderichs, die den Geehrten nicht mit einer klassischen Würdigung, sondern mit einer „Lektion“ über das Lernen von Erik Spiekermann vorstellte. Sie beschrieb ihn als neugierigen Geist, unermüdlichen Macher und leidenschaftlichen Vermittler, der Generationen von Gestalterinnen und Gestaltern geprägt habe. „Wenn Gutenberg den Lettern das Laufen beigebracht hat, dann lehrte Erik sie das Fliegen“, formulierte sie in ihrer viel beachteten Rede. Dabei zeichnete sie das Bild eines Menschen, der stets bereit war, Konventionen zu hinterfragen, neue Wege zu gehen und andere für seine Ideen zu begeistern.

Schmidt-Friderichs erinnerte zugleich daran, dass Spiekermanns Wirken weit über die Gestaltung einzelner Schriften hinausreicht. Mit FontShop, FontFont, der TYPO Berlin und MetaDesign habe er entscheidende Impulse für die internationale Designkultur gesetzt und Typografie aus der fachlichen Nische in die gesellschaftliche Öffentlichkeit getragen.

Der Preisträger selbst bedankte sich sichtlich bewegt für die Auszeichnung und erinnerte an seine lebenslange Faszination für Druck, Schrift und Gestaltung. Dabei schlug er den Bogen von Gutenbergs technischer Revolution bis zu den Herausforderungen der digitalen Gegenwart. Seine Ausführungen machten deutlich, weshalb die Vermittlung von Medienkompetenz, kritischem Denken und gestalterischer Verantwortung heute wichtiger ist denn je.

Ein besonderes Zeichen setzte Erik Spiekermann darüber hinaus mit seinem Projekt „Hacking Gutenberg“, das die Gäste der Preisverleihung als kleine Erinnerung mit nach Hause nehmen konnten. Jede Besucherin und jeder Besucher erhielt eine eigens gestaltete Broschüre sowie einen typografischen „Ablasszettel“, der seiner Besitzerin oder seinem Besitzer bis zum Johannistag 2027 Ablass von typografischen Sünden gewährt. Mit augenzwinkerndem Humor knüpfte Spiekermann damit an die Anfänge des Buchdrucks an: Der Überlieferung nach begann Johannes Gutenberg seine Karriere in Mainz unter anderem mit dem Druck von Ablassbriefen für die katholische Kirche.

Hinter der Aktion stand jedoch ein ernstes Anliegen. Mit „Hacking Gutenberg“ wirbt Spiekermann für den Erhalt von p98a.berlin, einer weltweit einzigartigen Werkstatt an der Schnittstelle von traditionellem Druckhandwerk und digitalen Technologien. In den Räumen einer ehemaligen Berliner Malschule beherbergt sie eine der bedeutendsten privaten Sammlungen historischer Druckmaschinen und Druckschriften in Deutschland. Als lebendiger Lern- und Experimentierraum bringt p98a.berlin Gestalterinnen und Gestalter, Studierende, Unternehmen und Kreative zusammen, um die materiellen Grundlagen von Schrift, Druck und visueller Kommunikation neu zu entdecken. Um diesen besonderen Ort langfristig zu sichern, sucht das Projekt Unterstützerinnen und Unterstützer aus Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft. Mit seiner Initiative machte der Gutenberg-Preisträger deutlich, dass die Bewahrung und Weiterentwicklung von Gutenbergs Erbe auch im digitalen Zeitalter eine gemeinsame Aufgabe bleibt.

Musikalisch begleitet wurde die Preisverleihung von Prof. Sebastian Sternal von der Hochschule für Musik Mainz, dessen Improvisationen und Kompositionen der Veranstaltung einen besonderen künstlerischen Rahmen verliehen.

Große Aufmerksamkeit fand zudem die Vorschau auf den Dokumentarfilm „ERIK“ des Filmemachers Stefan Nitzsche, der das Leben und Wirken des Preisträgers porträtiert. Die Preisverleihung wird zugleich Teil der Rahmenhandlung des für 2027 angekündigten Films sein.

Die Internationale Gutenberg-Gesellschaft freute sich besonders über die zahlreichen internationalen Gäste, darunter die Gutenberg-Preisträgerin des Jahres 2024, Dr. Valentyna Bochkovska, Direktorin des Museums für Buch- und Druckkunst in Kyjiw. Ihr Besuch stand in besonderem Zeichen der Solidarität mit den ukrainischen Kulturinstitutionen, die weiterhin unter den Folgen des russischen Angriffskrieges leiden.

Die Preisverleihung fand im Rahmen des Mainzer Johannisfestes statt und bildete zugleich einen Höhepunkt im Jubiläumsjahr der Internationalen Gutenberg-Gesellschaft, die 2026 ihr 125-jähriges Bestehen begeht. Sie machte eindrucksvoll sichtbar, wie lebendig Gutenbergs Erbe bis heute ist – nicht als historische Erinnerung allein, sondern als Auftrag, Bildung, Wissenstransfer, Medienkompetenz und freie Kommunikation in einer demokratischen Gesellschaft aktiv zu fördern.

Unser besonderer Dank gilt allen Mitwirkenden, Helferinnen und Helfern sowie den Sponsoren der Veranstaltung, insbesondere MetaDesign und BauerTypes, deren Unterstützung die Preisverleihung ermöglicht hat. Ebenso danken wir der Landeshauptstadt Mainz, dem Gutenberg-Museum, den Mitgliedern der Vergabejury sowie allen Gästen, die diesen Festakt zu einem besonderen Ereignis gemacht haben.

Fotos: © Markus Kohz