Seit Beginn des Sommers 2026 führt die russische Armee eine gezielte Angriffsserie gegen ukrainische Verlage, Druckereien und Bücherlager. Nach Angaben der ukrainischen Regierung wurden bislang 21 Verlagsstandorte und Bücherlager getroffen, zwischen 10 und 13 Millionen Bücher vernichtet – rund ein Drittel der jährlichen Buchproduktion des Landes. Der direkte Schaden für die Branche wird auf mindestens 1,19 Milliarden Hrywnja geschätzt.
Betroffen sind zahlreiche bekannte Häuser: Bei der Zerstörung der Druckerei „Konvi" gingen rund 600.000 Bücher verloren, darunter 250.000 Schulbücher. Der Verlag BookChef verlor bei einem Angriff auf Kyjiw am 2. Juli etwa 800.000 Bücher, der Verlag „Knyholav" in der Nacht zum 19. Juli rund 250.000 Bücher, als drei Iskander-Raketen sein Lager zerstörten – ein Schaden von 25 Millionen Hrywnja. In Charkiw wurden die Lager des Verlags RNK-Ranok zerstört, beim Brand auf dem Buchmarkt „Petriwka" traf es gleich mehrere Verlage, darunter „Vikhol", „Ranok", BookChef, „Nash Format", „Laboratoriya" und „RM". Auch der renommierte Kinderbuchverlag „A-Ba-Ba-Ha-La-Ma-Ha" von Ivan Malkovych verlor sein zentrales Auslieferungslager.
Am 15. Juni 2026 wurde bei einem Raketen- und Drohnenangriff auf Kiew auch das Museum für Buch und Druck der Ukraine beschädigt. Der Haupteinschlag traf die benachbarte Mariä-Entschlafens-Kathedrale (UNESCO-Welterbe), die Druckwelle zerstörte neun große Fenster im Museum, das im ehemaligen Kloster von 1700 untergebracht ist. Wertvolle Exponate wie die Apostel-Ausgabe aus Lwiw (1574) und die Ostroher Bibel (1581) blieben unbeschädigt, die Jubiläumsausstellung musste jedoch abgebaut werden.
„Für uns fühlt sich jeder Tag an wie unser letzter"
Dieses Museum leitet unsere Preisträgerin aus dem Jahr 2024, Valentyna Bochkovska. Auf unsere Nachfrage beschreibt sie, wie sehr die Zerstörung der Verlagsinfrastruktur über den materiellen Schaden hinausgeht: Nachdem Russland bereits Nahrungsmittel-, Pharma- und Energieversorgung ins Visier genommen habe, ziele es nun gezielt auf das intellektuelle Potenzial der Ukraine – auf Verlage, Bücherlager, Museen und Bibliotheken. Persönlich verbinden sie mit mehreren betroffenen Verlagen langjährige Kontakte, etwa mit Olya Popovich vom Verlag Kalamar, der das Museumsfestival „Das Alphabet-Königreich der Magier und Engel" seit Jahren unterstützt, und mit Ivan Malkovych von „A-Ba-Ba-Ha-La-Ma-Ha".
„Im Moment fällt es uns schwer, uns auf etwas anderes zu konzentrieren als durchzuhalten, zu überleben und für das Recht auf ein normales Leben zu kämpfen. Für uns fühlt sich jeder Tag an wie unser letzter", so Valentyna Bochkovska. Dennoch soll das nicht das letzte Wort sein: Ukrainische Verlage, Autor:innen und Kultureinrichtungen wollen weiterarbeiten – auch mit internationaler Unterstützung.
Was jetzt hilft
Die Museumsdirektorin nennt konkrete Wege, wie Menschen im Ausland helfen können: die Zusammenarbeit mit russischen Verlagen und Literaturagenturen beenden, ins Deutsche, Englische, Französische und Italienische übersetzte ukrainische Bücher zu europäischen Leser:innen bringen sowie Präsentationen ukrainischer Autor:innen, Verlage und Ausstellungen mit organisieren helfen.
Wer konkret spenden möchte, kann dies über die Spendenaktion der Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels tun, die gezielt den Wiederaufbau der ukrainischen Buchbranche unterstützt – Verlage, Buchhandlungen und Autor:innen erhalten die Mittel unabhängig von einer Verbandsmitgliedschaft.
Überweisungen richten sie bitte an: Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Verwendungszweck „Ukraine", IBAN DE13 5085 1952 0000 1249 17, BIC HELADEF1ERB. Auch eine Spende via PayPal ist über die Spendenseite des Börsenvereins ist möglich.
Dringend gebraucht: Powerstations für den Winter
Besonders eindringlich schildert Valentyna Bochkovska, was das Museumsteam für Herbst und Winter befürchtet: Da in den umliegenden Wohnhochhäusern mit Ausfällen bei Wasser, Heizung und Strom zu rechnen ist und russische Raketen und Drohnen immer wieder Wohngebäude treffen, erwägt das Team, während der kalten Monate gemeinsam im Museum zu übernachten. Dafür braucht es leistungsstarke Powerstations, die unabhängig vom Stromnetz funktionieren.
Die Mainzer Hilfsorganisation Oranta Helps hat sich spontan bereit erklärt zu helfen. Damit die Organisation die Anschaffung nicht allein stemmen muss, sammelt sie dafür Spenden – ob 10, 50 oder 500 Euro: Jeder Beitrag bringt das Team von Valentyna Bochkovska dem sicheren Winter ein Stück näher. Wer helfen möchte, spendet direkt über die Spendenseite von Oranta Helps, Verwendungszweck “Bücherrettung in Kiew”.
Die Internationale Gutenberg-Gesellschaft in Mainz e.V. steht solidarisch an der Seite ihrer ukrainischen Kolleg:innen.